Chris Brennan ist der frühere Präsident der Assoziation junger Astrologen, ehemaliger Forschungsdirektor bei der NCGR und Betreiber der online Astrologieschule www.astrologyschool.com. Er hat lange im Project Hindsight von Robert Schmidt, Robert Zöller und Robert Hand mitgearbeitet und ist seit Jahren Vorreiter bei der Wiederentdeckung antiker astrologischer Techniken aus hellenistischer Zeit. Diese 600-Seiten starke Werk über hellenistische Astrologie ist im Februar 2017 im Selbstverlag Amor Fati in englischer Sprache erschienen und wird über Amazon und Barnesandnoble vertrieben.

Das kurze aber sehr einfühlsame Vorwort zum Buch stammt von Demetra George. Als seine Tutorin am Kepler College erinnert sie sich an Brennan’s anfängliche Ablehnung von allem, was nicht „modern und psychologisch“ war, und seinen Versuch, einen Protest bei der Schulleitung zu organisieren. Es dauerte aber nicht lange, und Brennan war von den traditionellen Techniken fasziniert.

In seiner Einführung wünscht sich Brennan, mit diesem Buch viele Jahrhunderte astrologischer Ansammlungen zu umgehen und direkt zu den frühesten Versionen westlicher Astrologie vorzudringen. So ist das Ziel des Buches der, einen Überblick über die Geschichte, Philosophie und Techniken hellenistischer Astrologie zu geben, was nicht immer einfach ist, da viele Originaltexte nur in Fragmenten überliefert worden sind. Insofern stellt seine Arbeit eine minutiöse Rekonstruktion dessen dar, was wir bisher von hellenistischer Astrologie wissen. In dem wir zurück in die Vergangenheit blicken, können wir, so Brennan, eine bessere Astrologie der Zukunft gestalten.

Im ersten Kapitel über Mesopotamien und Ägypten werden die wichtigsten Beiträge dieser beiden Kulturen zur Astrologie untersucht: Die Mesopotamier erfanden den Tierkreis und von hier stammen auch die ersten Geburtshoroskope. Sie unterteilten die Planeten in „Wohltäter“ und „Übeltäter“ und teilten den Tierkreis in vier Gruppen von jeweils drei Zeichen, aus denen später die Triplizitäten entstanden. Sie basierten ihre Astronomie auf der Ekliptik und den Umlauf der Planeten durch den Tierkreis. Fast zeitgleich entwickelte sich ein anderes System in Ägypten, in dessen Mittelpunkt nicht die Ekliptik stand, sondern die Tagesrotation der Erde und die Bewegung der Sterne durch die Himmelsregionen, aus denen später die „Häuser“ wurden. Die Ägypter wiederum arbeiteten mit Dekanen, sogenannten „Zeigersternen“, die mit ihrem Übergang über die Himmelsmitte anzeigten, wie spät es war. 300 v. Chr. wurde dann aus beiden unterschiedlichen Systemen eins.

Im zweiten Kapitel geht Brennan auf die Ursprünge hellenistischer Astrologie ein. Er umreißt den Zeitraum, in der sie sich entwickelt hat und macht klar, dass die Synthese und der Synkretismus der griechischen und anderer Kulturen – in denen griechisch zwar die „Geschäftssprache“ war (ähnlich wie heute englisch), was aber nichts mit der ethnischen Zugehörigkeit zu tun hatte-  die Wiege der hellenistischen Astrologie war. Er geht dann auf die relativ unbekannte Geschichte der hellenistischen Astrologie ein. Hier geht es um die allerersten aufgefunden Geburtshoroskope und ihre Datierung und die Frage, ob Ägypten von Mesopotamien beeinflusst war oder eher umgekehrt, wobei auf den Terminus „Chaldaei“ eingegangen wird und dessen historische Quellen. Brennan macht dann auf das Problem der Pseudepigrafen aufmerksam und die Schwierigkeit, diese Texte zeitlich und teilweise auch geografisch einzuordnen, da sich Autoren häufig an ihren geistlichen oder astrologischen Vorbildern orientierten und ihre Bücher unter deren Namen veröffentlichten.

Brennan kommt dann zu einem heiss umstrittenen Punkt zwischen Historikern, der Frage nämlich, ob die Konzepte der hellenistischen Astrologie eine „plötzliche Erfindung“ einzelner Astrologen oder einer Gruppe von Astrologen sind, wofür z, B. sprechen würde, das sich sehr viele Autoren auf dieselben Quellen beziehen und die Tatsache, das das Thema Mundi die Konzepte von Zeichenherrschaft, Planetengeschlecht, Sekte und die Aspektendoktrin so meisterhaft mit einander verbindet. Andere Autoren sind der Ansicht, dass sich die hellenistische Astrologie schrittweise entwickelt hat und sowohl auf ägyptischem als auch mesopotamischem Wissen aufgebaut hat.

Brennan erklärt, wie das Konzept der ägyptischen Dekane in den (mesopotamischen) Tierkreis eingearbeitet worden ist und im 2. Jahrhundert Hypsicles als erster ein Werk zur Berechnung des Aszendenten (Stundenzeigers) herausgegeben hat. Ein ganz wichtiger Punkt in diesem Kapitel ist die Beschreibung der astrologischen Abstammungslinie von Hermes Trismegistos über Asklepius, Nechepso und Petosiris, die in allen hellenistischen Texten erwähnt und als die eignetliche „Quelle“ angesehen werden. Von keinem dieser drei sind bisher schriftliche Nachlasse gefunden worden, außer in Fragmenten anderer Autoren, was es schwierig macht, sie zu bewerten. Hermes wird nachgesagt, das Häusersystem erfunden zu haben, und den Orten ihre Namen gegeben zu haben: der Helm (1. Haus), Glück (5. Haus), guter Geist (11. Haus), Unglück (12. Haus). Auch Asklepius scheint über Häuser gesprochen zu haben, redet aber von einem Oktapos, also einem System von nur acht Häusern. Nechepso und Petosiris sollen das Thema Mund konzipiert haben, das „Welthoroskop“, auf welchem sich Konzepte wie Planetendomizile im Tierkreis und die Qualität von Aspekten gründen. Petosiris wird insbesondere auch die Technik zur Ermittlung der Lebenslänge zugeschrieben. Der Autor geht dann noch auf das Problem der mündlichen Überlieferung bzw. der Geheimschulen ein, aus denen Wissen unter Umständen auch bruchstückhaft an spätere Generationen durchsickerte. Möglich ist auch, dass einige Texte codiert waren.

Im folgenden 3. Kapitel  beschreibt Brennan, wie sich die hellenistische Astrologie zeitgleich mit dem Römischen Imperium entwickelt hat und in welche Branchen sie sich aufteilte. Unter anderem geht er auf Ereignischarts ein, wie sie zur Traumdeutung genutzt wurden. Die Unterschiede in den uns überlieferten Horoskopen werden besprochen, und die Instrumente des Astrologen aus der Epoche (wie das Pinax) werden erklärt. Auch die Frage, wie Zeit berechnet wurde, ist ein Argument.

Das nächste Kapitel ist ganz den Biografien der wichtigsten hellenistischen Astrologen gewidmet.

Im fünften Kapitel geht der Autor auf den Fall des Römischen Reichs und dessen Bedeutung für die hellenistische Astrologie ein, die 642 n.Ch. mit der Einnahme von Alexandrien in Ägypten endet.

Im anschließenden Kapitel nimmt sich Brennan den philosophischen Grundlagen der hellenistischer Astrologie an, insbesondere der Frage über den Einfluss von „Schicksal“ auf das Individuum. Die Erfahrung, dass die Planetenposition im Voraus berechnet werden konnte, führte zu der Schlussfolgerung, das auch die durch sie angezeigten Ereignisse beschrieben werden konnten, bevor sie eintrafen. „Vorbestimmtes Schicksal“ war eine der Grundfesten der Stoiker.

Im siebten Kapitel stellt der Autor die sieben klassischen Planeten und ihre Bedeutung detailliert dar. Er geht unter anderem auf die Unterscheidung zwischen Übel-und Wohltätern ein, die Differenz zwischen Tages- und Nachtplaneten und erklärt das Prinzip von heliakisch aufgehenden bzw. untergehenden Planeten.

Im folgenden Kapitel beschreibt Brennan systematisch die einzelnen Zeichen, den Unterschied zwischen sideralem und tropischen Horoskop, die männlichen und weiblichen Zeichen und insbesondere das Thema Mundi, was in der Antike eine Art Lehrhoroskop darstellte, anhand dessen die Prinzipien der hellenistischen Astrologie erklärt wurden. Erhöhung und Fall werden genauso erläutert wie die Quadruplizitäten, Triplizitäten und deren Herrscher, Dekane und Grenzen, die Dodekatemorien, die Assoziation zwischen Zeichen und Körperteilen und anderem mehr.

Das 9. Kapitel widmet sich ganz den Aspekten. Zeichen-und gradgenaue Aspekte werden vorgestellt, Aversion, Leerlauf, linke und rechte Aspekte, Antiszien sowie das „Überholen“ werden anhand von Abbildungen erklärt.

Im folgenden Kapitel werden die Häuser unter die Lupe genommen. Die Logik von Eckhäusern, Folgehäusern und fallenden Häuser wird durchleuchtet und die Bedeutungen der einzelnen Häuser erklärt. Wichtig ist in diesem Kapitel auch der Teil über die „Freuden“ der Planeten.

Im 11. Kapitel geht Brennan dann auf dass heiße Thema der Häuserteilung ein. Dieses 50 Seiten starke Kapitel ist eines der wichtigsten und meiner Ansicht das am besten recherchierte Teil des Buches.

In aller Ausführlichkeit wird auf die Geschichte, die Entwicklung und den Gebrauch von Ganzzeichenhäusern bzw. Quadranthäusern eingegangen. Während Brennan persönlich als Verfechter des Systems ganzer Häuser bekannt ist, hat er es trotzdem geschafft, dieses Kapitel nicht nur ausgesprochen informativ, sondern auch objektiv zu halten und keine Position zu beziehen, was seine Arbeit an diesem Thema um so wertvoller macht.

Ab dem 12. Kapitel wird das Buch praktisch und Brennan erklärt die wichtigsten Techniken mit Dutzenden von Horoskopbeispielen, angefangen vom Herrscher des Aszendenten in den verschiedenen Orten, den anderen Häuserherrschern (Kap. 13) und den Konditionen von Hilfe und Misshandlung.

Im Anschluss daran geht Brennan auf die Triplizitätenherrscher des Tages bzw. Nachtlichts ein. Die Triplizitätenherrscher stellen ein alternatives System zu den Häuserherrschern dar, beruhen aber auf einer anderen Logik. Sie geben einen generellen Ausblick darueber, wie das Leben des Geborenen verlaufen wird.

Brennan stellt dann die Lose vor, wie diese kalkuliert werden und welche Bedeutung sie haben.

Mit Kapitel 17 beginnt das Herzstück hellenistischer Astrologie. Erst werden Jahresprofektionen vorgestellt und dann die in Deutschland bisher noch weitgehend unbekannte Technik der Aphesis (Kapitel 18), einer Technik, mit der wie in einem Uhrwerk große und kleine Zeiträume untersucht werden können, um Vorhersagen über das Eintreffen bestimmter Ereignisse zu machen. Denn Brennan macht klar: das eigentliche Ziel hellenistischer Astrologie ist es, präzise und datierbare Vorhersagen über das Eintreffen bestimmter Ereignisse zu machen bzw. den Verlauf von Ereignissen zu beschreiben.

Chris Brennan’s Buch ist in vieler Hinsicht ein Meisterwerk. Er versteht es, schwierige Sachverhalte klar und verständlich zu erklären und baut das zum Verstehen nötige Wissen Schritt für Schritt auf, womit das Buch auch für Anfänger lesbar und empfehlenswert ist. Es ist anspruchsvoll und keine „Nebenbei-Lektüre“, oder astrologisches Kochbuch, sondern ein akribisch erstelltes und mit vielen Querverweisen erstelltes Nachschlagewerk welches die etwas hohen Anschaffungskosten von ca. 50 Euro rechtfertigen.

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